Schon seit Jahrtausenden suchen Regierungen und andere
Organisationen herauszufinden, wie sie Menschen gehirnwaschen können,
bislang ohne großen Erfolg. Wenn eine staatliche
Behörde tatsächlich wissenschaftlich entschlüsseln könnte, welche
Umstände welche Verhaltensweisen verursachen, was würde sie wohl mit
diesem Wissen anfangen? Es ist eine legitime Frage, denn das Pentagon
betreibt derzeit entsprechende Untersuchungen. Unerwünschte Veränderungen im Gehirn sollen künftig überschrieben werden können.
Laut einem kürzlich gesendeten
BBC-Bericht
forscht das US-Verteidigungsministerium offenkundig nach einer Methode,
das Denken zu kapern, so dass falsche, aber glaubwürdige Storys
eingepflanzt werden können – eine Art »Hab-mich-gern«-Waffen, wenn man
so will.
.jpg)
Die Pentagon-Behörde
Defense Advanced Research Projects Agency, oder kurz
DARPA – die
Abteilung, die für die gesamte modernste technologische Entwicklung
zuständig ist – arbeitet dem Vernehmen nach an einem neuen
Forschungsprojekt, das sich auf neurobiologische Vorgänge konzentriert,
die bei der Entstehung von politisch motivierter Gewalt eine Rolle
spielen. Insbesondere gehe man der Frage nach, ob sich solche Gewalt
bereits im Vorfeld entschärfen lässt.
Nach Aussage von
DARPA-Vertretern richtet sich die Forschung
darauf, ob sich Ereignisse auf eine Weise narrativ darstellen
(schildern) lassen, die die Menschen überzeugen würde, gegnerische
Kräfte nicht zu unterstützen. Das Konzept trägt den Namen »Narrative
Networks«. Bei einer
offiziellen Ausschreibung
erklärt die Behörde, man erwarte von jedem eingereichten Vorschlag für
dieses Projekt, dass dadurch das Studium des Narrativen und dessen
Einfluss revolutioniert sowie narrative Analyse und Neurowissenschaften
gefördert würden. Man wolle ein neues Sensorium dafür schaffen, wie sich
bestimmte Formen von Schilderungen auswirken, um besser vorhersehen zu
können, wie sie sich auswirken.
Keine Science-Fiction – nur einfach Science
Laut
DARPA-Direktor William Casebeer sei es das Ziel des
Konzepts, zu verstehen, wie Schilderungen menschliches Denken und
Verhalten beeinflussen. »Die Ergebnisse sollen dann auf einen
Sicherheitsbereich angewendet werden, nicht nur, um Bedrohungen der
Sicherheit wie beispielsweise Radikalisierung, gewalttätiger
gesellschaftlicher Mobilisierung, Aufstand und Terrorismus Herr zu
werden, sondern auch zu Konfliktprävention und ‑Lösung beizutragen.«
In der Wissenschaft ist schon seit geraumer Zeit bekannt, dass
Erzählungen – die Darstellung über den Ablauf von Ereignissen, in der
Regel in chronologischer Ordnung – das menschliche Denken beherrschen
und das Verständnis von Gruppen und Identitäten formen und sie
möglicherweise zu Gewalttaten motivieren.
Man erwarte sich vom dem Projekt, so die Wissenschaftler, eine
bio-neurologische Methode, um Schilderungen als Mittel zu verwenden, die
Menschen dazu zu bewegen, die Gewalt einzustellen – man wolle sie nicht
kontrollieren.
»Es geht uns nicht darum, die Gedanken der Menschen zu lesen oder
ihnen Gedanken einzupflanzen. Wenn wir die biologischen Ursachen
verstehen, warum Menschen Kriege führen,

dann
können wir vielleicht auch ein Verständnis dafür entwickeln, wie wir
mäßigend eingreifen können«, erklärte Greg Berns, Professor an der
Emory University, in der
BBC.
Ein Ziel der Forschung besteht darin, Wege zu finden, wie mithilfe
von Schilderungen dadurch die nationale Sicherheit gestärkt werden kann,
dass der Terrorismus eingedämmt oder ganz aus der Welt geschaffen wird.
Aber das mag ein hochgestecktes Ziel sein, selbst wenn die Forschung
begründet ist.
»Natürlich müssen wir diese Dinge verstehen, kein Zweifel, aber was
die Friedensförderung angeht, so habe ich meine Zweifel, ob uns das
Wissen darüber, an welcher Stelle im Gehirn die Wut entsteht, die zur
Gewalt führt, dabei helfen wird, Kriege zu verhüten«, sagt Tom
Pyszczynski, Sozialpsychologe an der
University of Colorado. Er
untersucht den Terrorismus und hat über die Auswirkung des so genannten
»Arabischen Frühlings« und die Haltung der Bewegung dem Westen
gegenüber geforscht.
»Wir können nicht einfach hingehen und den Mandelkern [im Gehirn] der
Leute anpeilen oder sie narkotisieren oder so etwas«, betont er in der
BBC.
»Wir werden die Art und Weise verändern müssen, wie sie die Ereignisse
interpretieren, und wir müssen ein Verhalten ablegen, das andere als
beleidigend oder als Angriff auf ihre Lebensweise interpretieren.«
Uns gehirnwaschen? Viel Erfolg…
Kritiker des Forschungsprojekts behaupten, in Wirklichkeit versuche
das Pentagon, Gehirnwäsche in den Stand einer Wissenschaft zu erheben.
Andere meinen, das Ziel sei wohl eher, die Kunst der Propaganda zu
meistern.
»Zunächst müsste erforscht werden, was geschieht, wenn die Menschen
eine Botschaft hören oder sehen. Man nimmt an, dass bestimmte
Botschaften oder Bilder im Gehirn tatsächlich zu einer Veränderung
führen, um diese neuen Ideen einzuordnen«, heißt es in einer Analyse der
Webseite
Phys.org über das
DARPA-Projekt.
»Zum Zweiten müsste ein Mittel entwickelt werden, sich das zunutze zu
machen, was im ersten Teil gelernt wurde. In anderen Worten: eine
Methode zu finden, mit der man herausfinden könnte,

wer
für bestimmte Botschaften empfänglich ist, und ihn dann mit einer
Botschaft zu bombardieren. Alle unerwünschten Veränderungen im Gehirn,
die infolge der ›schlechten‹ Botschaften entstanden sind, müssten
überschrieben werden, so dass sich der Betreffende benimmt«, fährt die
Analyse fort. Es wird betont, dass dem Projekt wohl kein Erfolg
beschieden sein werde, weil »Regierungen (und andere Instanzen) schon
seit Jahrtausenden herauszufinden versuchen, wie sie Menschen
gehirnwaschen können, ohne großen Erfolg.«
Die
DARPA-Forscher weisen weit von sich, sie suchten nach einer Möglichkeit, die Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen.
»Nichts von dem, was wir oder jemand anderer, den ich in der
Narrative-Network-Gruppe kenne, tun oder tut, hat damit zu tun, dass
Soldaten besser Menschen töten können oder dass Menschen gehirngewaschen
werden«, versichert Paul Zak, Professor an der
Claremont Graduate University in Claremont, Kalifornien, ein Experte im Bereich Neuroökonomie, dessen Arbeit vom
DARPA-Programm gefördert wird, gegenüber der
BBC.
Er stellt die rhetorische Frage: »Ist es möglich, Veranstaltungen
abzuhalten, für Dinge wie Gesundheitspflege, öffentliches
Gesundheitswesen [oder] Zähneputzen für Kinder zu werben, und eine halbe
Million Zahnbürsten zu verschenken? Es könnte Dinge geben, die Ländern
zu verstehen helfen, dass wir fast immer gute Beziehungen zu anderen
wünschen.«
»Warum packen uns bestimmte Geschichten und andere nicht? Das ist
doch wohl eine gute Frage, die man sich stellen sollte«, betont er.
Quellen für diesen Beitrag waren unter anderem:
